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    Elisabeth Pühringer Ýêñïåðèìåíòàëüíàÿ àðõåîëîãèÿ
    Elisabeth Pühringer

    Als es weder Kilos noch das Einmaleins gab:
    GEDANKEN ÜBER EIN URZEITLICHES MASSSYSTEM


    Wie definiert man ein Gewicht, ohne auf Kilos, Pfund & Co angewiesen zu sein? Wie zählt man etwas ab und rechnet etwas aus, wenn man weder Zahlen kennt noch das kleine Einmaleins? Und wenn man dann tatsächlich ein passendes Maßsystem gefunden hat, wie bringt man seine Mitmenschen dazu, es ebenfalls zu benützen? Denn schließlich braucht man einen verbindlichen Vergleichswert, wenn man etwas produzieren oder tauschen will.

    Ordnung ist das halbe Leben, sagt ein altes Sprichwort. Aber um welche Ordnung es sich konkret handelt, das sagt es nicht. Denn„meine Ordnung" und „deine Ordnung", das ist nicht dasselbe. Im eigenen Chaos etwas zu finden, ist in der Regel leichter als in der schönsten fremden Ordnung, deren Ord­nungsprinzip unbekannt ist. Wie muss etwas geordnet sein, damit es „richtig" ist?

    DAS KL ASSISCHE BEISPIEL
    Das klassische Beispiel ist das Periodensystem der Elemente. Es gibt eine Unmenge verschiedenartiger Stoffe auf der Welt, die man nach den unterschiedlichsten Kriterien ordnen kann: Etwa alle roten in eine Kiste und alle grünen in eine andere. Oder man einigt sich auf die Definition von „natürlich" und „künstlich". Ordnungsprinzi­pien hängen ganz entscheidend vom Wissensstand desjenigen ab, der sie erstellt. Ein entscheidender Punkt in der naturwissenschaftlichen Forschung war daher die Erkenntnis, dass sich alle Stoffe dieser Welt auf Grundelemen­te zurückführen lassen, aus denen alles aufgebaut ist.
    Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis war, diese Elemente so zu ordnen, dass sich eine Regelhaftigkeit ergibt, also ein Ordnungsprinzip. Wie diese Bemühungen ausgingen, ist heute Forschungsgeschichte. Zum Zeitpunkt der Erstellung des Systems sah die Sache freilich ganz anders aus: Damals war dieser Ordnungsversuch nicht mehr als eine Theorie, ein Denkansatz, den es vorerst einmal zu beweisen galt. Klafften doch noch sehr viele Lücken in der vorgeschlagenen Tabelle des Periodensystems. Erst als durch weitere gezielte Forschungen die entsprechenden Elemente für die leeren Plätze des vorgegebenen Rasters entdeckt wurden und sie tatsächlich genau in das Schema hineinpassten, wurde das Periodensystem der Elemente zu dem, was es heute für uns ist: Ein Ordnungsprinzip.

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    Nach Regelhaftigkeiten zu suchen, ist immer dann angebracht, wenn man Einteilungen treffen muss, weil eine Menge zu groß ist. Das heißt zu erst einmal sortieren: Was ist vorhanden, wie sehen die Unterscheidungsmerk­male aus, usw. Etwa: Die einen Stücke sind größer als die anderen. Oder aber, sie haben eine andere Form oder Farbe.
    Ein Unterscheidungsmerkmal kann sich für eine bestimmte, genau definierte Menge als effizientes Sortierkrite­rium erweisen. Sobald jedoch ein neues Stück dazukommt, das nicht in das Schema hinein passt, fängt die Su­che nach einem Ordnungsprinzip von neuem an. Es stellt sich die Frage: Handelt es sich um ein Naturgesetz, das es möglicherweise noch zu entdecken gilt - siehe das Beispiel von der Entdeckung des Periodensystems der E-lemente - oder geht es um ein willkürliches fremdes Ordnungsprinzip, das ein anderer geschaffen hat und das unbekannt ist.

    DAS TYPISCHE BEISPIEL
    Das typische Beispiel dafür wäre eine Ablage, die der Amtsvorgänger angelegt hat, und in der man nichts findet. Ist das alphabetisch gereiht oder chronologisch? Gibt es Gruppen und Untergruppen, innerhalb derer gereiht wird? Steckt ein Geheimcode dahinter oder ist es doch etwas ganz anderes? Mit jedem Zufallstreffer kommt man dem inneren System um einen Schritt näher, selbst wenn man zeitweise glaubt, es handle sich um Willkür oder um ein Zufallsprinzip.
    Wie schön, wenn es da jemanden gibt, der das gesuchte Ordnungsprinzip kennt und der bereit ist, sein diesbe­zügliches Wissen weiterzugeben. Oder aber, man darf vermuten, jemand hat es aufgeschrieben, also eine Art „Anleitung" hinterlassen. Das gilt vor allem für sehr alte Ordnungsprinzipien, getreu dem Motto: „Weil man das immer schon so gemacht hat." Das bedeutet, man muss nur gründlich genug die einschlägige Literatur durchsu­chen, um die entsprechenden Hinweise zu finden.
    Wie wertvoll mündliche oder schriftliche Überlieferungen sein können, merkt man spätestens dann, wenn sie völlig fehlen, wie das beispielsweise in der Urgeschichtsforschung der Fall ist. Hier kann bestenfalls auf die Meinungen von Vorgängern oder Kollegen zurückgegriffen werden, für die freilich das gleiche gilt: Sie arbeiten mit Analogien, Hypothesen und Theorien. Solche Forschungsergebnisse zeigen Möglichkeiten auf, wie etwas gewesen sein könnte.

    DAS AKTUEL L E BEISPIEL
    Nach dem klassisch Beispiel „Periodensystem" und dem typischen Beispiel „Ablage" folgt nun das aktuelle Be i-spiel: Die Erforschung der Rohmetalle aus der Urzeit. Rohmetallbarren wurden früher auf Grund ihrer fladen-förmigen Form in der Literatur als „Gusskuchen" bezeichnet. Sie sind das Endprodukt des prähistorischen Ver­hüttungsvorganges. Sie waren bereits in der Urzeit begehrte Handelsobjekte und das Ausgangsprodukt für die Weiterverarbeitung durch die Kupferschmiede in der ganzen damals bekannten Welt. Neben diesen ganzen Rohmetallbarren gibt es noch die verschiedenartigsten Teilstücke. Für diese Materialien muss ein passendes Sys­tem gefunden werden.
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    Diese materiellen Relikte aus der Urzeit wurden nach bestimmten Kriterien hergestellt, die wir nicht kennen, weil uns von ihren Produzenten keine Aufzeichnungen hinterlassen worden sind. Wir Heutige unterstellen den Menschen von damals, dass sie ähnlich gedacht hätten, wie wir. Denn nur auf Grund dieser Annahme ist der Versuch einer Interpretation von archäologischen Funden aus der Urzeit überhaupt möglich. Der Schluss von der Gegenwart auf die Vergangenheit ist also nicht nur erlaubt, sondern vielfach die einzige Möglichkeit eines Er­kenntnisgewinnes.
    Die fehlende Kenntnis der theoretischen Voraussetzungen für die urzeitliche Metallproduktion erschwert die nachträgliche Sortierung der jeweiligen Produkte. Nach welchen theoretischen Vorgaben wurden diese Produkte erstellt? Mit welcher Genauigkeit wurden diese Vorgaben in der Praxis eingehalten? Wie groß sind die durch die technischen Schwierigkeiten bedingten Toleranzwerte? Das sind die Kernfragen bei der Rekonstruktion des ur­sprünglichen Ordnungsprinzips, das die Basis der Metallproduktion darstellte. Dieses Prinzip zu erkennen bzw. zu rekonstruieren, das ist die Voraussetzung für effiziente Sortierkriterien jener Fundstücke, die sich mit anderen Mitteln nicht sinnvoll ordnen lassen.
    Rohmetallstücke sind Halbfertigprodukte, also vorbereitete Metallportionen, die für eine spätere Ve rarbeitung bestimmt waren. Hat man für eine Untersuchung nur wenige dieser Stücke zur Verfügung, bietet sich eine klare Unterscheidungsmöglichkeit im allgemeinen Rahmen der Metallfunde an: Hier Fertigprodukte - etwa Schmuckstücke, Gefäße oder Werkzeuge und Waffen - dort Halbfertigprodukte - also Rohmetallstücke, gewon­nen aus dem Ausgangsmaterial, den erzhältigen Gesteinen.
    Diese einfache Unterscheidung wird spätestens zu jenem Zeitpunkt unbrauchbar, wenn die Menge dieser regist­rierten Rohmetallteile so groß wird, dass sie - analog zu den Fertigprodukten - unterteilt werden muss. Ein mö g-liches Unterscheidungskriterium wäre: hier ganze Stücke, dort Teilstücke. Ganze Stücke lassen sich nach ihrer Form und Größe sortieren, Teilstücke nach der Art ihrer Zerteilung: Etwa halbe Stücke, Viertel oder Achtel, also regelhafte Teilungen, die Rückschlüsse auf das ursprüngliche ganze Stück zulassen. Von dieser Menge der re­gelhaften Stücke lässt sich j ene Menge abtrennen, auf die ke ines der zuvor definierten Merkmale zutrifft.
    Ein weiteres Sortierkriterium wäre die chemische Zusammensetzung. Eisen- und Kupferteile lassen sich einfach trennen. Aber bereits bei der Unterscheidung, ob es sich um reines Kupfer oder um eine Kupferlegierung han­delt, ist man auf mehr oder minder aufwändige Analysen angewiesen. Diese Sortiermethode erreicht noch schneller ihre Grenzen als der Einteilungsversuch nach Form und Größe. Bleibt die Sortiermöglichkeit nach dem Gewicht, unabhängig von Qualität, Form und Größe der Stücke. Das ist die auf den ersten Blick simpelste Form einer Sortierung, die an die Methoden eines Altwarenhändlers erinnert. Fünf Kilogramm Rohmetall sind fünf Ki­logramm, egal, worum es sich dabei konkret handelt.
    Doch oft sind es gerade die einfachsten Methoden, die den größten Erfolg bringen. Ein Gewichtssystem hat näm­lich einen ganz entscheidenden Vorteil: Es passt immer und es ist nach oben offen. Alles kann man abwiegen, egal, wie es aussieht, vorausgesetzt, man hat eine Waage. Der Einsatz von Waagen ist bereits für die frühen Me­tallzeiten nachgewiesen (Peroni 1998: 217-224). Also kann für die urzeitliche Metallproduktion auch eine be-

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    wusste Portionierung nach Gewicht angenommen werden. In Verbindung mit einer entsprechenden Zahlen- und Gewichtsdefinition bietet das Sortierkriterium Gewicht durchaus ein brauchbares Ordnungsprinzip.


    URZEITL OGARITHMEN
    Damit taucht ein neues Problem auf: Es ist unser Zahlensystem und unser Gewichtssystem, das wir verwenden und nicht das der Urzeitmenschen, von dem wir nicht wissen, wie es ausgesehen haben mag. Doch die Tatsache einer gewissen Regelhaftigkeit in der Relation der Gewichte der einzelnen Fundstücke zueinander lässt auf das ursprüngliche Vorhandensein irgendeines Gewichtsschemas schließen. Wer etwas bewusst zerteilt, tut es nach irgendwelchen Kriterien. Wenn die Urzeitmenschen bei ihrer Rohmetallproduktion nach Gewichtsvorgaben vorgegangen sind, dann ist diese Gewichtsdefinition nicht zwangsweise mit der heute üblichen ident.
    Eine Möglichkeiten wäre, die Relation zwischen den nach unseren modernen Vorgaben erhobenen Gewichten zu definieren und zu versuchen, daraus Rückschlüsse auf das ursprüngliche System zu ziehen (Pühringer 2000/01: unpubl. Diss., Anhang). Die Datenerfassung eines ausgewählten Samples von Rohmetallbarren und Teilstücken zeigte eine interessante Relation der einzelnen Gewichte zueinander, auf die schon mehrfach hingewiesen wurde (Peroni 1998: 217-224; Primas /Pernicka 1998: 25-65; Sommerfeld 1994). Im unteren Gewichtsbereich zeigt sich ein linearer Anstieg, dann kommt es zu Gewichtssprüngen, die einen annährend logarithmischen Verlauf aufweisen.
    Doch Begriffe, wie „linear" oder „logarithmisch" sollte man im Zusammenhang mit urzeitlichen Maßsystemen besser ausklammern, denn sie gehören in die moderne Welt der Mathematik. Wenn man hingegen den festge­stellten linearen Anstieg der Einzelgewichte als
    „Bereich der regelhaften kleinen Gewichtssprünge"
    definiert und daran anschließend den
    „Bereich der regelhaften großen Gewichtssprünge",
    dann kommt man der Sache näher: So zeigt schon die sprachliche Formulierung, dass es sich um zwei Versio-nen ein und derselben Sache handelt. Doch nach welchem System sind diese Reihen aufgebaut? Welche Logik steckt dahinter?
    Da ist die Behauptung, bei einer linear ansteigenden Gewichtsreihe - analog unserer vertrauten Zahlenreihe -handle es sich um „regelhafte kleine Gewichtssprünge". Das Erklärungsmodell dafür heißt: Ein Ganzes plus ein Halbes.
    Man nimmt ein kleines Stück von beliebiger Form und Größe und tariert es mit Hilfe einer Balkenwaage mit ei­nem zweiten Stück des gleichen Materials aus. Damit stehen zwei gleich schwere Messstücke zur Verfügung. Von diesen beiden Stücken wird eines halbiert, mö glichst genau, dafür hat man die Waage. Mit dem ganzen und dem halben Stück kann man die Reihe aufbauen:

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    1. ein halbes Stück,
    2. ein ganzes Stück (Basisstück)
    3. ein ganzes Stück und ein halbes,
    4. zwei ganze Stücke,
    5. zwei ganze Stücke und ein halbes,
    6. drei ganze Stücke... usw.

    Wenn man für das ganze Stück den Wert 2 einsetzt, ergibt das den Wert 1 für das halbe Stück und das Ergebnis ist unsere vertraute Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5, 6... usw. Wohlgemerkt: Diese Zahlenreihe ist das Ergebnis dieser Überlegungen, aber nicht die Voraussetzung. Die Sache würde genauso funktionieren, wenn das Basisstück der Gewichtsreihe nicht 2 Gramm wiegt, sondern 1,8 Gramm oder 2,3 Gramm. Ebenso entbehrlich ist eine Maßein­heit. Statt „Gramm" könnte genauso gut „Karat" stehen oder was immer einem gefällt. Die Reihe entspricht so­mit der Definition: regelhafte kleine Gewichts sprünge. „Klein" deshalb, weil es im Gegensatz dazu auch große Gewichtssprünge gibt, die auf entsprechend größere Messstücke zurückzuführen sind.
    Der nächste Schritt dieses Gedankenexperiments wäre, das Modell ein Ganzes plus ein Halbes mit anderen Zahlenwerten durchzuspielen, und die sich ergebenden theoretischen Gewichtssprünge mit den tatsächlichen Werten zu vergleichen. Bei den untersuchten Fundensembles gibt es in den niedrigen Gewichtsbereichen zwei klare Häufungswerte: Sie liegen ungefähr in den Bereichen von 8 Gramm, bzw. 16 Gramm. Hier allzu genau zu arbeiten, bringt nichts, denn man hat es mit jahrtausendealten Fundstücken zu tun, bei denen der schwer abzu­schätzende Faktor Korrosion nicht außer Acht lassen werden darf. Nimmt man den Wert 16 für das ganze Basis­stück, ergibt sich der Wert 8 für das halbe Stück.

    VERSUCH UND IRRTUM
    Das Spiel mit den Zahlen erinnert irgendwie an die Dechiffrierung eines unbekannten Codes. Das Ergebnis ist verblüffend: Das versuchsweise aufgebaute Ordnungssystem stimmt tatsächlich mit den Mittelwerten der in der einschlägigen Literatur publizierten Gewichte von urzeitlichen Rohmetallstücken überein. Das Überraschende -und zugleich Verdächtige - ist, dass es schon beim ersten Versuch klappte. War das ein Zufallstreffer? Ist dieses Ordnungsprinzip so allgemein gehalten, dass es auf so gut wie alles passen kann?
    Der Trick beim Aufbau der Gewichtstabelle bestand darin, dass jeweils nach 8 Stufen die Messstücke gewech­selt wurden. Daraus ergab sich ein nach oben offenes System mit fünf Gewichtsklassen. Dieser Umstieg auf neue Messstücke hatte einen triftigen Grund: Im Anfangsbereich stimmten die theoretischen Werte mit dem praktisch vorhandenen überein, doch nach etwa 8 Stufen wurde das System unscharf. Diese dezente Umschrei­bung bedeutet nichts anderes, als dass die Vorgabewerte nicht mehr mit den in den Fundberichten zitieren Ge -wichtsangaben übereinstimmten. Dafür musste es einen Grund geben. Das bedeutete, dass nach dem System Versuch und Irrtum mit neuen Messstücken weiter experimentiert werden musste.
    Es darf von der Annahme ausgegangen werden, dass in der Urzeit bei der Zerteilung von massiven Kupferstü­cken mit einfachen Werkzeugen technische Probleme aufgetreten sind, die Ungenauigkeiten bei der Herstellung der Messstücke zur Folge hatten. Solche Fehler summieren sich und können in den höheren Gewichtsbereichen

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    das ganze System wertlos machen. Bevor man also einen einmal erkannten Fehler weiter mitschleppt, ist es bes­ser, rechtzeitig auf größere Messstücke umzusteigen und neu zu zählen zu beginnen. Das Ergebnis dieser Über­legungen ist die vorgestellte Tabelle mit den Richtwertvorgaben für die Einteilung ausgewählter Rohmetallbar­ren nach Gewichtsklassen (Abb.1).
    Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Es handelt sich bei diesem Schema um ein Denkmodell, bei dem der Schlüsselwert 8 willkürlich ausgewählt worden ist. Trotzdem hat das Ergebnis dieser Zahlenspielerei etwas Bestechendes: Es scheint zu passen. Doch die eigentliche Nagelprobe steht noch aus: Was bei einem kleinen Da­tensatz passt, muss bei einem wesentlich größeren noch lange nicht stimmen. Ein erster Versuch, das neue Ord­nungsprinzip kritisch zu hinterfragen, bestand darin, neue Daten zu erheben, das heißt, neu gefundene Rohme -tallstücke und bisher nicht abgewogene Barren aus Museumsbeständen abzuwiegen und zu überprüfen, ob diese Werte in das angebotene Gewichtsschema hineinpassen. Das war bislang der Fall.

    FFI SRII DFR
    Die Überlegung, dass es bereits in der Urzeit ein universelles Maß- und Gewichtssystem gegeben haben könnte, wirft automatisch eine weiter Frage auf: Wie wird so ein System bekannt gemacht und verbreitet - modern aus­gedrückt: publiziert? Denn dass es gewissermaßen in Gesetzesrang erhoben werden musste, um allgemein ver­wendet zu werden, das steht außer Zweifel. Die untersuchten Rohmetallbarren stammten nämlich aus verschie-nen europäischen Regionen. Wie könnte eine schrift lose Kultur vorgegangen sein? Welche Voraussetzungen sind nötig, damit sich allfällige Informationen von der Bronzezeit bis in unsere Tage erhalten?
    Das erste, das einem dazu spontan einfällt, wären Felsbilder. Vor allem die sehr häufigen Darstellungen von Rä­dern bieten sich als Parallele zur Zerteilung von runden Rohmetallbarren an. Solche Felsbilder sind bisher kaum von Facharchäologen untersucht und ausgewertet worden. Das ist vor allem eine Domäne der Volkskunde bzw. von Hobbyforschern. Vielleicht hält auch die ideologische Nähe zu dem in der Zeit des Nationalsozialismus mit­brauchten Germanenkult die „offizielle" Wissenschaft davon ab, sich mit diesen Zeichen an der Wand ernsthaft auseinander zu setzen. Mit Hakenkreuzen verunstaltete Felsbilder in den österreichischen Bergen sprechen leider eine sehr deutliche Sprache.
    Felsbilder finden sich vor allem in Schluchten und engen Flußtälern. Steile Wände bieten günstige Vorausset­zungen dafür, dass sich Gravuren über einen längeren Zeitraum auch in einem „weichen" Gestein, wie Kalkstein, erhalten können, weil sie keine Angriffsflächen für Regen oder Schnee bieten. Einen weiteren Schutz vor Witte­rungsunbilden stellt die Vegetation dar. Es liegt also durchaus im Bereich der Möglichkeit, dass ein Teil der be­kannten Felsbilder in den Alpen in die Bronzezeit datiert werden könnte.
    Die geografische Lage der Felsbilder lässt noch einen weiteren Schluss zu: Wenn es sich bei diesen Bildern tat­sächlich um eine Art von „Anschlagtafeln der Urzeit" gehandelt haben sollte, dann befanden sie sich an strate­gisch günstigen Orten, nämlich an natürlichen Übergängen in den Bergen, in Tälern, durch die Handelswege führten. Auch heute werden Informationstafeln am wirkungsvollsten dort angebracht, wo viele Menschen vor­beikommen und sie sehen. Ein prähistorischer Salzweg führte aus dem Salzkammergut in das obere Ennstal. In

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    diesem Bereich liegen die Felsbildfundstellen „Notgasse" bei Gröbming. Die räumliche Nähe zu den gut doku­mentierten bronzezeitlichen Kupferschmelzplätzen in den Eisenerzer Alpen (Klemm 2003) fällt auf. Weitere sehr eindrucksvolle steinerne Bildergalerien liegen „In der Höll" im Raum Pyhrn und in der Kienbachklamm, nahe dem Wolfgangsee.
    Lassen sich die „Sonnenräder" also als Teilungsanleitung für Rohmetallbarren interpretieren? Darf man die „Ur­zeitgraffiti" als ganz profane Richtlinie für den Metallhandel ansehen? Vielleicht lassen sich noch weitere häufi­ge Motive aus den Felsbildfundstellen in diese Richtung auslegen, etwa Leitern. Ist es sehr weit hergeholt, darin eine mögliche Darstellung von Gewichtsreihen zu vermuten?
    Ein anderes „brauchbares" Motiv für eine Interpretation im gegenständlichen Zusammenhang wären die soge­nannten „Radkreuzträger", die nicht nur in den österreichischen Kalkalpen als Felszeichnung häufig vorko m-men, sondern auch an italienischen Fundplätzen (TRACCE Online Rock Art Bulletin -
    www.rupestre.net/tracce). Das Motiv des Radkreuzträgers scheint einerseits sehr oft als Felsbild auf, anderer­seits wurde es auch auf einem römerzeitlichen Altar dargestellt, der in einem Bauernhof bei Ansfelden entdeckt wurde und nunmehr im oberösterreichischen Landesmuseum zu bewundern ist.
    Im Gegensatz zu den bisher kaum datierbaren Felsbildern ist dieser Weihestein aus Ansfelden zeitlich zuorden-bar. Dieser Radkreuzträger prangt auf einem - laut Inschrift - Jupiter geweihten Stein gilt als der keltische Don­nergott Taranis. Dieser Stein ist eine Besonderheit, denn er vereint Hinweise auf zwei verschiedene Kulturen -Römer und Kelten. Dieser Umstand erlaubt nicht nur die Datierung sondern auch die Hoffnung, dass es mögli­cherweise bisher nicht beachtete Hinweise in der römischen Literatur auf den Ursprung des Bildmotives des Radkreuzträgers gibt.
    Wenn man von der Annahme ausgeht, dass ein derart einfaches Maßsystem wie das zuvor skizzierte Modell ei­nes Gewichtsschemas sich problemlos durch Wanderarbeiter in der ganzen damals bekannten Welt verbreiten ließ, kommt dem Bild des Radkreuzträgers bei einer allfälligen Neuinterpretation eine interessante Facette zu: War das in prähistorischer Zeit die Abbildung eines wandernden Handwerksburschen mit seiner „Maßtabelle"? War das postulierte Maßsystem so erfolgreich, dass es später sogar göttliche Dimensionen bekam? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die wirtschaftliche Macht der frühen Metallerzeuger mit einer göttlichen Macht gleich gesetzt werden könnte. Auch bei diesem Gedankengang liefert unübersehbar die Gegenwart das Denk­muster für eine Interpretation der Vergangenheit.

    WEITERE INDIZIEN
    Das Radkreuz der Figur weist eine Vierteilung auf. Zahlreiche runde Rohmetallbarren („Gusskuchen") haben ebenfalls diese Viertelteilung vorgezeichnet (Pühringer 2000/01: 198) Eine Halbierung stellt den ersten Tei­lungsschritt dar, eine Vierteilung den zweiten und eine Achtteilung den dritten. Neben den ganzen Barren mit vorgezeichneten Vierteln gibt es unter den Rohmetallfunden zahlreiche Viertel- und Achtelstücke, sowie auch runde Barren mit „tortenförmigen" Ausschnitten, die ungefähr einem Achtel entsprechen.

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    Ein weiteres Indiz in diese Richtung wären Metallbilder, also bildhafte Darstellungen auf Metallgegenständen. Auch hier fällt eine Achterteilung von radartigen Gebilden auf, auch wenn den jeweiligen Darstellungen übli­cherweise eine völlig andere Bedeutung zugeordnet wird. Ein Beispiel für solche Metallbilder wäre ein Detail aus der Verzierung einer Schwerscheide aus Hallstatt (Urban 1989: 162). Dieses Rad wird als Winde interpre­tiert, die von zwei Bergarbeitern gedreht wird. Ein Mann mit Speichenrad - interpretiert als Machtsymbol - fin­det sich auch unter den Bilddarstellungen auf dem Gundestrup-Kessel. Speichenrad-Nachbildungen wurden als Amulette getragen.
    Noch ein Beispiel für Raddarstellungen an Gebrauchsgegenständen: Der „Feuerbock" von Großmugl, gern als „Mondidol" interpretiert (Urban 1989: 176). Weisen die beiden vierspeichigen Räder dieses Keramikgegenstan­des vielleicht auch auf die Metallverarbeitung und auf ein Teilungsmodell samt Gewichtsskala hin? Darstellun­gen von vierspeichigen Rädern finden sich u.a. auch auf hallstattzeitlichen Gefäßen (Urban 1989: 178).
    Ein bisher wenig beachtetes mögliches Indiz für allfällige Maßangaben sind die sogenannten „Kerbhölzer", die auf der Kelchalpe bei Kitzbühel in Tirol zusammen mit Rohmetallbarren gefunden worden sind. Sie wurden bereits bei ihrer Erstpublikation (Preuschen/Pittioni, 1939: 86-93, Tf. 36, 37) als Informationsträger interpretiert. In diesem Fall ist vor allem der Fundzusammenhang der entscheidende Hinweis dafür, dass es ein urzeitliches Maßsystem für Rohmetalle gegeben haben könnte.
    Die prähistorische Felsbildkunst als verkannte Quellengattung - diese Überlegung stellt auch Ch. Züchner von der Universität Erlangen (Felsbildkunst und Prähistorische Archäologie, 2000) an. Er vergleicht die Darstellun­gen auf Felsbildern in Valcamonica und Trentino mit Hortfunden aus Deutschland und Österreich. Durch diese bildhaften Vergleiche von Dolchen, Krummschwerten und Schilden wird eine zeitliche Synchronisierung der Darstellungen auf den Felsbildern mit Funden aus der Kupfer- und Bronzezeit hergestellt. Besonders interessant ist die Deutung von ornamentartigen Linien als Ortsbeschreibungen und geografische Angaben.

    SCHL USSBERMERKUNGEN
    Überlegungen, wenig beachtete bildhafte Darstellungen - unabhängig der ihnen bisher zugeordneten Bildinhalte - für Analogien heranzuziehen, um damit neue Denkansätze zu untermauern, gehören zweifellos in den Grenz­bereich der Interpretation. Gerade im Zusammenhang mit den Felsbildern in den österreichischen Alpen wird das deutlich. Der Spielraum zwischen mystischen Feuerrädern, Sonnensymbolen und Himmelsleitern bis hin zu der Banalität des Alltages ist gewaltig. Trotzdem lohnt sich der Versuch.

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    LITERATUR

    PERONI R., Bronzezeitliche Gewichtssysteme im Metallhandel zwischen Mittelmeer und Ostsee, in: Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas - Man and Enviroment in European Bronze Age (Hrsg. B. Hänsel), Ab­schlusstagung der Kampagne des Europarates das erste goldene Zeitalter, an der Fre ien Universität Berlin, 17.-19. März 1997, Kiel 1998, 217 ff;
    PRIMAS M., PERNICKA E., Der Depotfund von Oberwilfingen. Neue Ergebnisse zur Zirkulation von Me­tallbarren, Germania 76/1, 1998, 25 ff;
    SOMMERFELD CH., Gerätegeld Sichel, Studien zur monetären Struktur bronzezeitlicher Horte im nördlichen Mitteleuropa, Vorgeschichtliche Forschungen, Band 19, 1994;
    PÜHRINGER E., Archäologie und Film - Der Weg in die Urzeit, unpubl.Diss. Univ. Wien, 2000/01; PÜHRINGER E., Das Gewicht der Metalle, Archäologisches Nachrichtenblatt Band 7, 3/2002,253 ff.;
    PREUSCHEN E., PITTIONI R., Untersuchungen im Bergbaugebiet Kelchalpe bei Kitzbühel, Tirol, Mitteilun­gen der Prähistorischen Kommission 3, 1939, Kulturgeschichtliche Auswertung der Funde, 70 ff, Tafeln 36 und
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    KLEMM S., Montanarchäologie in den Eisenerzer Alpen. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersu­chungen zum prähistorischen Kupferbergbau in der Eisenerzer Ramsau, Mitteilungen der Prähistorischen Kom­mission 50, 2003;
    URBAN O.H., Wegweiser in die Urgeschichte Österreichs, Wien 1989.

    INTERNETADRESSEN:
    www.rupestre.net/tracce php/modules.php?name=News&file=print&sid=20
    www.uf.uni-erlangen.de/felskunst/felsarch.html
    www.felsbildermuseum.at/images/kienbach003.jpg
    www. oeaw. ac. at/praehist/anfang/taranis
    www.anisa.at

    ANSCHRIFT DER AUTORIN:
    Mag. Dr. Elisabeth Pühringer A 2402 Haslau, Ahorngasse 1

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    Ý. Ïóðèíãåð
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    Å. Ïóðèíãåð
    Êîëè íå áóëî í³ ê³ëîãðàì³â, í³ òàáëèö³ ìíîæåííÿ:
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